Die neue S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ hat nicht nur die Diskussion über die Stilldauer verändert. Für Familien, die sich mit Beikost und Baby-led Weaning beschäftigen, ist auch ein anderer Punkt relevant: Wie soll mit allergenen Lebensmitteln in der Beikost umgegangen werden?
Gerade hier lohnt sich ein genauer Blick in die Empfehlungen. Denn die neue Leitlinie verweist für den Bereich der Allergieprävention weiterhin auf die bestehende S3-Leitlinie „Allergieprävention“ (AWMF 061-016).
Allergene nicht unnötig hinauszögern
Die Empfehlungen zur Allergieprävention verfolgen nicht den Ansatz, potenziell allergene Lebensmittel möglichst lange aus dem Speiseplan eines Babys fernzuhalten. Vielmehr sollen bestimmte Lebensmittel im Rahmen der Beikost eingeführt werden, die S3-Leitlinie zur Allergieprävention befasst sich dabei unter anderem mit Hühnerei und Erdnuss und gibt Empfehlungen dazu, wie diese Lebensmittel in die Ernährung von Säuglingen integriert werden können.
Für Eltern ist das eine wichtige Information: Die Einführung von Beikost bedeutet nicht, dass zunächst über längere Zeit ausschließlich „allergiearme“ Lebensmittel angeboten werden sollten. Auch beim Baby-led Weaning dürfen unterschiedliche Lebensmittel von Anfang an Teil der Beikost sein, vorausgesetzt, sie werden in einer für das Baby geeigneten und sicheren Form angeboten.
Bei BLW kommt es nicht nur auf das Lebensmittel an
Gerade beim Baby-led Weaning müssen zwei Dinge zusammengedacht werden: Allergieprävention und sichere Darreichungsform. Denn ein Lebensmittel kann grundsätzlich für die Beikost geeignet sein, aber in einer bestimmten Form ein erhebliches Verschluckungs- oder Erstickungsrisiko darstellen.
Das zeigt sich beispielsweise bei Erdnüssen: Ganze Nüsse sind für Babys nicht geeignet, wenn Erdnuss im Rahmen der Beikost eingeführt wird, muss deshalb eine geeignete Form gewählt werden, beispielsweise fein verarbeitete Erdnuss beziehungsweise Erdnussmus in geeigneter Konsistenz. Auch Hühnerei sollte entsprechend der Empfehlungen gut durchgegart angeboten werden. Für BLW bedeutet das: Nicht nur fragen, „Darf mein Baby dieses Lebensmittel essen?“, sondern immer auch bedenken, in welcher Form es sicher angeboten werden kann.
Genauso wichtig wie das Lebensmittel selbst ist die Form, in der es angeboten wird.
Gerade diese Verbindung zwischen Ernährung und sicherer Zubereitung ist ein wichtiger Bestandteil einer gut geplanten BLW-Beikost.
Nach der Einführung gehört das Lebensmittel weiter auf den Speiseplan
Ein weiterer wichtiger Punkt wird bei der Diskussion über Allergene häufig übersehen: Es geht nicht nur darum, ein Lebensmittel einmal kennenzulernen. Die S3-Leitlinie Allergieprävention empfiehlt beispielsweise, Hühnerei nach der Einführung regelmäßig weiter anzubieten.
Das lässt sich im Familienalltag meist viel einfacher umsetzen, als es zunächst klingt. Ein Baby braucht dafür keine besonderen „Allergie-Mahlzeiten“. Das entsprechende Lebensmittel kann ganz selbstverständlich Bestandteil verschiedener Familiengerichte sein, natürlich immer in einer altersgerechten und sicheren Form.
Gerade hier kann BLW sehr alltagstauglich sein: Das Baby muss nicht separat gefüttert werden, sondern kann geeignete Bestandteile der Familienmahlzeit selbstständig essen. Dabei gilt allerdings weiterhin: Einmal probiert bedeutet nicht automatisch, dass ein Lebensmittel dauerhaft vertragen wird, nach der Einführung sollte beobachtet werden, ob das Lebensmittel gut vertragen wird.
BLW GrundlagenBaby-led Weaning mit einer Nahrungsmittelallergie: Drei Fragen an eine ErnährungsfachkraftWas wir Eltern mitgeben möchten
Die aktuellen Empfehlungen zeigen vor allem eines: Allergene sollten nicht aus Angst vor einer möglichen Allergie unnötig lange vermieden werden. Auch beim Baby-led Weaning gehören unterschiedliche Lebensmittel zu einer abwechslungsreichen Beikost, entscheidend ist dabei nicht, ob das Lebensmittel als Brei oder Fingerfood angeboten wird, sondern wann und vor allem in welcher Form.
Wie der Familientisch aussieht, wenn eine Allergie bereits feststeht, haben wir eine Ernährungsfachkraft für Allergologie gefragt: Baby-led Weaning mit einer Nahrungsmittelallergie
Für uns ist deshalb ein Gedanke besonders wichtig:
Allergieprävention und BLW sind kein Gegensatz.
Ein Baby kann allergene Lebensmittel selbstständig essen, aber es braucht dafür eine sichere Darreichungsform und eine altersgerechte Zubereitung. Die Frage sollte also nicht lauten, ob ein BLW-Baby Allergene bekommen darf, sondern vielmehr: Wie können wir diese Lebensmittel so anbieten, dass sie sowohl den Empfehlungen zur Allergieprävention als auch den Anforderungen an sicheres Essen gerecht werden? Genau darum geht es bei einer gut geplanten Baby-led-Weaning-Beikost: nicht um möglichst viele Verbote, sondern um einen sicheren und durchdachten Umgang mit Lebensmitteln.
Prof. Dr. med. Matthias Kopp hat an der Leitlinie mitgeschrieben. Auf die Frage, was sie in einfachen Worten empfiehlt, antwortete er uns:
Auskunft von Prof. Dr. med. Matthias Kopp
Allergieauslösende Lebensmittel sollen nicht vorsorglich gemieden oder unnötig spät eingeführt werden.
Quelle: Interview mit Prof. Dr. Matthias Kopp
- Grundlage sind die S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ (AWMF 027-072) und die aktuell gültige S3-Leitlinie „Allergieprävention“ (AWMF 061-016).
- Zitat aus dem Interview mit Prof. Dr. med. Matthias Kopp, Mitautor der S3-Leitlinie Allergieprävention.
Stand: August 2026. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
Wenn die Allergie schon feststeht
Dann verschiebt sich die Frage vom Einführen zum Weglassen. Prof. Dr. Eckard Hamelmann warnt davor, dabei zu weit zu gehen.
Auskunft von Prof. Dr. Eckard Hamelmann
Gemieden werden sollte nur das tatsächlich bestätigte Allergen, nicht vorsorglich eine ganze Reihe weiterer Lebensmittel.
In der Praxis heißt das: Wer Ei nicht verträgt, muss deshalb nicht auch auf Milch, Nuss und Fisch verzichten. Meist lässt sich dasselbe Familiengericht kochen und nur die eine Zutat ersetzen. Eine allergologisch erfahrene Ernährungsfachkraft hilft dabei, Nährstofflücken zu vermeiden.
Quelle: Wächst sich eine Nahrungsmittelallergie wieder aus? Drei Fragen an Prof. Hamelmann



