Eine Mutter hat uns geschrieben: „Unser Sohn hatte als Baby eine Kuhmilchallergie. Jetzt ist er drei, und wir wissen nicht, ob wir das immer noch so ernst nehmen müssen.“
Diese Frage taucht in unserem Postfach immer wieder auf. Der Beikoststart liegt dann Jahre zurück, das Kind isst längst am Familientisch mit, und trotzdem bleibt eine Zutat tabu. Manche Familien meiden sie aus Gewohnheit weiter, andere probieren heimlich aus.
Beides ist verständlich, und beides kann in die Irre führen. Eine Nahrungsmittelallergie im Babyalter ist kein Urteil fürs Leben. Sie ist aber auch kein Zustand, der sich von selbst klärt. Ob ein Kind ein Lebensmittel wieder verträgt, lässt sich am Küchentisch schlicht nicht feststellen.
Wir haben deshalb bei jemandem nachgefragt, der genau diese Frage beruflich beantwortet. Prof. Dr. Eckard Hamelmann ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit den Schwerpunkten Allergologie und Immunologie, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Kinderzentrum Bethel und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI).
Die folgenden drei Antworten hat uns Prof. Hamelmann schriftlich zur Verfügung gestellt.
Welche Allergien verlieren sich häufig wieder, welche bleiben?
„Allergien gegen Kuhmilch, Hühnerei, Weizen oder Soja bilden sich im Kindesalter vergleichsweise häufig zurück. Gerade bei einer Hühnereiallergie besteht deshalb gute Hoffnung, dass sie nicht dauerhaft bleibt. Allergien gegen Erdnüsse, Schalenfrüchte wie Haselnuss oder Cashew sowie gegen Fisch und Krebstiere bleiben dagegen häufiger bestehen. Der Verlauf ist jedoch individuell und sollte regelmäßig kinderallergologisch überprüft werden.“
Eine Nahrungsmittelallergie im Babyalter ist kein Urteil fürs Leben.
Ob sie tatsächlich vorbei ist, lässt sich trotzdem nicht einfach zu Hause testen.
Wie stellt eine Ärztin oder ein Arzt fest, dass die Allergie weg ist?
„Zunächst beurteilt die Kinderallergologin oder der Kinderallergologe den bisherigen Verlauf und gegebenenfalls Hauttest und spezifische IgE-Werte im Blut. Diese Tests können eine Entwicklung anzeigen, beweisen die Verträglichkeit aber nicht. Entscheidend ist meist eine ärztlich überwachte orale Provokation: Das Kind erhält das Lebensmittel in ansteigenden Mengen und wird dabei sorgfältig beobachtet. Ein eigenständiger Versuch zu Hause ist nur sinnvoll, wenn er ausdrücklich ärztlich empfohlen wurde. Besonders nach früheren stärkeren Reaktionen sollte er keinesfalls ohne medizinische Begleitung erfolgen. Die orale Provokation gilt als maßgeblicher Test zur Bestätigung oder zum Ausschluss einer Nahrungsmittelallergie.“
BLW GrundlagenBaby-led Weaning mit einer Nahrungsmittelallergie: Drei Fragen an eine ErnährungsfachkraftWie isst mein Kind trotzdem normal mit am Tisch?
„Gemieden werden sollte nur das tatsächlich bestätigte Allergen, nicht vorsorglich eine ganze Reihe weiterer Lebensmittel. Häufig kann die Familie dasselbe Grundgericht essen und lediglich die allergieauslösende Zutat sicher ersetzen. Eine allergologisch erfahrene Ernährungsfachkraft hilft, Nährstoffmängel zu vermeiden, Zutatenlisten richtig zu lesen und alltagstaugliche Alternativen zu finden. Manche Kinder mit Milch- oder Eiallergie vertragen stark erhitzte beziehungsweise verbackene Formen. Ob und wie diese gegeben werden dürfen, muss jedoch zuvor individuell ärztlich geklärt werden. Wichtig sind außerdem ein schriftlicher Notfallplan, passende Notfallmedikamente und klare Regeln für Betreuungspersonen. Diese Maßnahmen entsprechen den aktuellen Empfehlungen zum Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien.“
Was wir mitnehmen
Eine Allergie im Babyalter ist kein Dauerzustand, aber auch kein Selbstläufer. Ob sie sich zurückbildet, entscheidet sich nicht am Küchentisch, sondern in der kinderallergologischen Praxis. Bis dahin gilt: nur das bestätigte Allergen meiden, alles andere ganz normal anbieten. Wie du Allergene überhaupt sicher in die Beikost einführst, liest du unter Allergene in der Beikost.
- Schriftliche Auskunft von Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann an die Redaktion von baby-led-weaning.de, August 2026. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit den Schwerpunkten Allergologie, Immunologie und pädiatrische Pneumologie, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Kinderzentrum Bethel und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI).
- Von ihm benannte Fachliteratur: EAACI-Leitlinie zur Diagnostik IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien; AAAAI/EAACI PRACTALL zur Standardisierung oraler Provokationstests, Aktualisierung 2024; AWMF-Leitlinie Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien; EAACI-Leitlinie zum Management.
Stand: September 2026. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.



