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Baby-led Weaning: Vorstellung und Realität

Zwischen Instagram-Bildern und dem eigenen Beikoststart liegen oft Welten. Eine Beikostberaterin ordnet ein, was in den ersten Wochen wirklich normal ist.

Baby-led Weaning: Vorstellung und Realität

Nach dem Essen: Beim Beikoststart landet vieles überall, nur nicht im Mund.

Du hast dir den Beikoststart mit BLW so schön vorgestellt: Dein Baby sitzt mit am Tisch, bekommt ein Stück weiche Süßkartoffel in die Hand und isst genüsslich mit. Vielleicht noch ein bisschen Brokkoli. Ein Stück Banane. Und am Ende denkst du: Wow, mein Baby isst richtig!

Und dann kommt die Realität. Das Stück Brokkoli wird in die Hand genommen. Angeschaut. Gedreht. Zerdrückt. Auf den Tisch geklopft. Vielleicht landet es irgendwann im Mund. Vielleicht auch nicht. Die Kartoffel wird zwischen den Fingern zerquetscht, die Banane über den Tisch verteilt und ein Teil der Mahlzeit findet seinen Weg auf den Boden.

Gegessen wurde vielleicht ein winziges Stück. Oder gar nichts. Und genau das kann am Anfang vollkommen normal sein.

Die ersten Tage sind vor allem eine Zeit des Kennenlernens

Wenn ein Baby mit breifreier Beikost beginnt, geht es zunächst nicht darum, möglichst schnell richtige Mahlzeiten zu essen. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres: Das Baby lernt Essen kennen.

Bisher war Nahrung vor allem mit Saugen verbunden. Milch kam aus der Brust oder aus der Flasche. Nun tauchen plötzlich ganz andere Erfahrungen auf. Da ist etwas, das man anfassen kann. Etwas, das sich weich oder fest anfühlt. Etwas, das riecht. Etwas, das sich zerdrücken lässt. Etwas, das sich im Mund ganz anders anfühlt als Milch.

Das Baby untersucht Lebensmittel deshalb zunächst mit allen Sinnen. Es fühlt. Es drückt. Es lutscht. Es leckt. Es kaut beziehungsweise zerdrückt und spuckt wieder aus. Und irgendwann wird auch tatsächlich etwas davon gegessen. Von außen sieht das manchmal nach ziemlich wenig aus. Aus Entwicklungssicht passiert in dieser Zeit allerdings eine ganze Menge.

Wie viel wird am Anfang tatsächlich gegessen?

Die ehrliche Antwort lautet: manchmal erstaunlich wenig. Ein Baby kann mehrere Mahlzeiten lang nur winzige Mengen aufnehmen. Ein anderes zeigt von Anfang an großes Interesse und isst etwas mehr. Beides kann vorkommen. Gerade in den ersten Tagen und Wochen ist die Menge deshalb kein besonders guter Maßstab dafür, wie erfolgreich der Beikoststart verläuft.

Denn bevor größere Mengen gegessen werden können, müssen viele Fähigkeiten zusammenkommen. Das Baby muss Lebensmittel greifen und zum Mund führen, unterschiedliche Konsistenzen kennenlernen und lernen, Nahrung im Mund zu bewegen. Es sammelt Erfahrungen mit Kauen und Schlucken und entdeckt gleichzeitig, welche Lebensmittel ihm schmecken. Das passiert nicht innerhalb von drei Mahlzeiten. Und es passiert auch nicht bei jedem Kind im gleichen Tempo.

Wenn ein Baby mit breifreier Beikost beginnt, geht es zunächst nicht darum, möglichst schnell richtige Mahlzeiten zu essen.

Essen entwickelt sich Schritt für Schritt

Die Entwicklung beim Essen verläuft nicht nach einem festen Stundenplan. Am Anfang steht häufig das Erkunden. Das Lebensmittel wird angefasst und untersucht. Dann kommt vielleicht das Lutschen oder Lecken dazu. Mit der Zeit wird gezielter abgebissen oder Nahrung im Mund bewegt. Die Fähigkeiten werden sicherer, die Auswahl der Lebensmittel größer und irgendwann werden aus einzelnen kleinen Kostproben tatsächlich nennenswerte Mengen.

Dabei kann es zwischendurch immer wieder Phasen geben, in denen es scheinbar kaum vorangeht. Ein Tag sieht vielleicht nach einem großen Durchbruch aus: Das Baby isst begeistert mehrere Stücke. Am nächsten Tag wird wieder alles zerdrückt. Das bedeutet nicht automatisch, dass es einen Rückschritt gibt. Entwicklung verläuft selten geradlinig.

Und was ist mit dem Hunger?

Gerade am Anfang darf nicht vergessen werden, dass feste Nahrung zunächst nicht die komplette Versorgung eines Babys übernimmt. Muttermilch beziehungsweise Säuglingsanfangsnahrung bleibt weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Ernährung. Und das hat auch einen ganz praktischen Grund: Milch ist vergleichsweise energiereich.

Muttermilch und Säuglingsanfangsnahrung liefern pro 100 ml ungefähr 65–70 kcal. Viele Lebensmittel, die beim breifreien Beikoststart auf dem Teller liegen, bringen deutlich weniger Energie mit – vor allem Obst und Gemüse. Ein Stück Gurke, gedämpfte Zucchini oder ein Stück Brokkoli kann wunderbar zum Kennenlernen sein. Bei den kleinen Mengen, die ein Baby am Anfang tatsächlich isst, liefert es aber noch nicht besonders viel Energie. Ein Baby lutscht vielleicht ein bisschen an einem Stück Brokkoli, zerdrückt ein Stück Kartoffel und isst ein kleines Stück Banane. Das ist eine Menge an wertvollen Erfahrungen – aber noch keine vollständige Mahlzeit, die die bisherige Milchversorgung ersetzen könnte.

Deshalb stehen Milch und feste Nahrung am Anfang zunächst nebeneinander. Mit der Zeit verändert sich das Verhältnis. Die Mengen an fester Nahrung werden größer, die Auswahl vielfältiger und feste Nahrung übernimmt nach und nach einen größeren Anteil an der Energie- und Nährstoffversorgung. Aber auch das passiert nicht von heute auf morgen. Der Übergang von Milch zu fester Nahrung ist eine Entwicklung, kein Schalter, der mit dem ersten Stück Brokkoli umgelegt wird.

Wenn heute viel und morgen fast nichts gegessen wird

Auch schwankende Essmengen gehören in diese Zeit. Babys haben nicht jeden Tag den gleichen Appetit. Müdigkeit, Zahnen, Entwicklungsschritte oder ein Infekt können Einfluss darauf haben, wie interessant das Essen gerade ist. Und manchmal ist einfach ein anderer Tag.

Das kann für Eltern schwer auszuhalten sein. Besonders dann, wenn sie gerade das Gefühl hatten, dass es endlich richtig gut läuft. Heute drei Stücke. Morgen fast nichts. Übermorgen wieder mehr. Das allein sagt noch nicht, dass etwas nicht stimmt.

Viel wichtiger ist die Entwicklung über einen längeren Zeitraum: Zeigt das Baby grundsätzlich Interesse an seiner Umgebung und an Essen? Entwickelt es zunehmend Sicherheit im Umgang mit Lebensmitteln? Werden nach und nach neue Fähigkeiten sichtbar? Essenlernen lässt sich eben nicht daran messen, wie viel auf einem einzelnen Teller fehlt.

Der Vergleich macht es oft schwieriger

Und dann sind da natürlich die anderen Babys. „Unser Nachbarskind isst schon eine ganze Portion.“ „Das Baby meiner Freundin isst bereits morgens, mittags und abends.“ Solche Vergleiche setzen schnell unter Druck.

Dabei haben Babys auch beim Essen ihr eigenes Tempo. Das eine Kind sitzt früh sicher und greift gezielt nach Lebensmitteln. Das andere braucht länger. Ein Kind ist sofort neugierig auf neue Geschmäcker, ein anderes beobachtet zunächst lieber.

Social Media macht diese Vergleiche nicht unbedingt leichter. Dort sehen wir häufig die schön angerichteten Teller und die Babys, die begeistert essen. Den zerdrückten Brokkoli, die Mahlzeit, die komplett auf dem Boden landet, und die Tage, an denen überhaupt nichts gegessen wird, sieht man deutlich seltener. Dabei gehört genau das zur Realität dazu.

Die Menge ist in den ersten Wochen kein guter Maßstab dafür, wie gut der Beikoststart verläuft.

Woran lässt sich erkennen, dass sich ein Baby gut entwickelt?

Es muss nicht jeden Tag mehr essen. Entwicklung zeigt sich auch auf andere Weise. Vielleicht wird aus dem vorsichtigen Anfassen irgendwann ein gezieltes Greifen. Aus dem Lutschen wird ein bewussteres Kauen. Das Baby kann Lebensmittel besser zum Mund führen und wird sicherer im Umgang mit unterschiedlichen Konsistenzen. Es zeigt Interesse. Es probiert. Es lehnt etwas ab und probiert es Wochen später vielleicht wieder. Das sind ebenfalls Entwicklungsschritte.

Und irgendwann fällt auf: Das Baby isst tatsächlich mit. Nicht plötzlich. Nicht von heute auf morgen. Sondern ganz allmählich.

Wann lohnt sich ein genauerer Blick?

Dass ein Baby anfangs nur sehr kleine Mengen isst, ist für sich genommen normalerweise kein Grund zur Sorge. Genauer hinschauen sollte man allerdings, wenn Essen und Trinken dauerhaft große Schwierigkeiten bereiten, das Kind Nahrung oder Flüssigkeit regelmäßig verweigert, beim Essen häufig hustet oder sich verschluckt, offensichtlich Schmerzen hat oder die Gewichtsentwicklung beziehungsweise das Gedeihen auffällig ist.

Auch wenn über längere Zeit das Gefühl entsteht, dass sich beim Essen überhaupt keine Entwicklung zeigt oder die Unsicherheit immer größer wird, kann eine fachliche Begleitung hilfreich sein. Nicht, weil jedes Kind, das wenig isst, ein Problem hat. Sondern weil manchmal ein genauer Blick dabei hilft, normale Entwicklung von tatsächlichen Schwierigkeiten zu unterscheiden.

Vielleicht müssen wir unsere Vorstellung vom Beikoststart verändern

Vielleicht ist der Beikoststart gar nicht der Moment, in dem ein Baby plötzlich anfängt, richtige Mahlzeiten zu essen. Vielleicht ist es vielmehr der Anfang einer langen Entwicklung. Vom Anfassen zum Lutschen. Vom Lutschen zum Probieren. Vom Probieren zum Essen.

Und dazwischen liegt ziemlich viel zerdrückte Banane, auf den Tisch geklopfter Brokkoli und Essen auf dem Fußboden. Das ist nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass der Beikoststart nicht funktioniert. Es kann schlicht bedeuten, dass ein Baby gerade genau das tut, was es tun soll: Es lernt essen.

Und vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage am Anfang gar nicht: „Wie viel hat mein Baby gegessen?“ Sondern: „Was hat mein Baby heute über Essen gelernt?“

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Scarlett Highley
Autorin Scarlett Highley
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