Dass Babys beim Beikoststart Lebensmittel ablehnen, ist nicht außergewöhnlich. Der Brokkoli fliegt vom Tisch, die Möhre wird angeschaut und liegen gelassen, und was gestern noch geschmeckt hat, wird heute verweigert. Das gehört zum Essenlernen dazu.
Trotzdem bleibt bei vielen Eltern ein ungutes Gefühl. Ist das noch normal? Und ab wann sollte man genauer hinsehen?
Wir haben PD Dr. Margarete Bolten gefragt. Sie arbeitet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Luzerner Psychiatrie und ist spezialisiert auf Säuglinge und Kleinkinder. Seit mehr als 15 Jahren behandelt sie Kinder mit frühkindlichen Fütterstörungen und ihre Familien.
Ihre erste Klarstellung nimmt Druck heraus:
PD Dr. Margarete Bolten
Eine gewisse Ablehnung neuer Lebensmittel ist im Beikostalter völlig normal bzw. kann als normativ betrachtet werden. Entscheidend ist weniger, ob ein Kind einzelne Lebensmittel ablehnt, sondern wie umfassend und anhaltend die Schwierigkeiten sind und welche Folgen sie haben.
Nicht die einzelne verweigerte Mahlzeit ist also das Kriterium, sondern das Muster über Wochen und Monate.
Wann du genauer hinsehen solltest
Bolten nennt mehrere Anzeichen, bei denen sich ein zweiter Blick lohnt. Wenn die Auswahl an Lebensmitteln über Monate immer kleiner wird. Wenn ein Kind nur noch sehr wenig isst. Wenn die Essfertigkeiten sich nicht altersentsprechend entwickeln. Wenn Mahlzeiten von Stress oder Angst begleitet sind. Wenn häufig gewürgt oder erbrochen wird. Oder wenn Wachstum, Nährstoffversorgung oder das Familienleben darunter leiden.
Wichtig ist dabei ein Punkt, den sie besonders betont:
PD Dr. Margarete Bolten
Hinter einer vermeintlichen „Essensverweigerung“ kann eine körperliche Ursache stehen. Deshalb sollte bei ausgeprägten oder zunehmenden Problemen nicht vorschnell von „Picky Eating“ oder einem Verhaltensproblem ausgegangen werden.
Sie nennt mehrere mögliche körperliche Auslöser. Dazu gehören Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, Reflux und Nahrungsmittelallergien. Ebenso Schluck- oder Kaustörungen, Schmerzen, chronische Übelkeit und Verstopfung. Auch vorausgegangenes Würgen, Erbrechen oder Verschlucken kann dazu führen, dass ein Kind Nahrung meidet.
Ihr Satz dazu ist knapp und klar: Ein Kind entscheidet sich nicht einfach gegen Essen.
Was BLW leisten kann und was nicht
In BLW-Kreisen hört man gelegentlich, die babygeleitete Beikost beuge Essproblemen vor. Wir haben nachgefragt, ob das stimmt. Ihre Antwort:
PD Dr. Margarete Bolten
Die Aussage BLW könne Fütterstörungen verhindern, ist wissenschaftlich derzeit nicht ausreichend belegt.
Was sie dagegen als sinnvoll beschreibt, ist die Haltung dahinter. Responsive Fütterung meint ein Vorgehen, das sich am Kind orientiert. Sie unterstütze die Wahrnehmung von Hunger und Sättigung. Sie ermögliche positive Erfahrungen mit verschiedenen Lebensmitteln und könne unnötigen Druck reduzieren.
PD Dr. Margarete Bolten
Nicht BLW als Methode schützt vor Fütterstörungen, sondern eine responsive, entwicklungsangepasste und belastungsarme Fütterung kann ein günstiges Umfeld für die Entwicklung von Essfertigkeiten schaffen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Nicht die Methode wirkt, sondern die Art, wie begleitet wird.
Einen Vorbehalt nennt sie ausdrücklich. Bei BLW könne es herausfordernd sein, alle nötigen Nährstoffe unterzubringen. Denn sie müssen in den Lebensmitteln stecken, die ein Kind tatsächlich annimmt. Aus ihrer Praxis berichtet sie von einer bestimmten Konstellation. Manche Kinder werden weit über den ersten Geburtstag hinaus fast ausschließlich gestillt und bekommen daneben BLW. Bei solchen Kindern sehe sie manchmal erhebliche Nährstoffmängel. Auch mundmotorische Fähigkeiten könnten zu kurz kommen.
Und noch eine Warnung gibt sie mit:
PD Dr. Margarete Bolten
Gleichzeitig sollte man Familien nicht mit dem Satz „Das ist im ersten Lebensjahr nur Probieren“ beruhigen, wenn bereits deutliche Warnzeichen bestehen.
Genau dann lohnt sich ein Blick darauf, wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist.
Nicht die einzelne verweigerte Mahlzeit ist das Kriterium, sondern das Muster über Wochen und Monate.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Bolten nennt dafür konkrete Anlässe. Wenn die Schwierigkeiten über mehrere Monate anhalten. Wenn sie sich zunehmend verschärfen. Wenn du dir Sorgen um Gewicht, Wachstum oder Nährstoffversorgung machst. Früh abklären lassen solltest du es, wenn Essen regelmäßig mit Schmerzen, Erbrechen oder Würgen verbunden ist. Das gilt auch bei Verschlucken oder starker Angst. Und ebenso, wenn dein Kind nur noch sehr wenige Lebensmittel akzeptiert.
Der Punkt, der ihr am wichtigsten ist
Zum Schluss ihrer Antwort schreibt Bolten einen Absatz, den sie selbst als besonders wichtig markiert:
PD Dr. Margarete Bolten
Eltern sind nicht „die Ursache“ einer Fütterstörung. Häufig geraten Eltern und Kind vielmehr in einen sich gegenseitig verstärkenden Kreislauf. Das Kind erlebt Essen als unangenehm oder bedrohlich, die Eltern machen sich zunehmend Sorgen und versuchen verständlicherweise, mehr Essen zu erreichen. Dadurch steigt der Druck, das Kind verweigert stärker und die Mahlzeiten werden für alle belastender.
Wer diesen Kreislauf bei sich erkennt, hat nichts falsch gemacht. Er ist ein guter Grund, sich Unterstützung zu holen.
- Schriftliche Auskunft von PD Dr. rer. nat. Margarete Bolten an die Redaktion von baby-led-weaning.de, August 2026. Sie arbeitet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Luzerner Psychiatrie und behandelt seit mehr als 15 Jahren Kinder mit frühkindlichen Fütterstörungen und ARFID sowie deren Familien. Sie hat den Text vor der Veröffentlichung gelesen, einzelne Formulierungen korrigiert und im September 2026 freigegeben.
Stand: September 2026. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.





