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Warum Kinder plötzlich Gemüse ablehnen

Rund um den zweiten Geburtstag werden viele Kinder skeptisch beim Essen. Eine Diätologin erklärt, warum das ein Schutzmechanismus ist.

Warum Kinder plötzlich Gemüse ablehnen

Gemüse wird weggeschoben: Rund um den zweiten Geburtstag werden viele Kinder skeptisch.

„Am Anfang hat unser Kind alles gegessen. Jetzt nimmt es nur noch Brot und Nudeln und schiebt jedes Stück Gemüse weg.“ Diese Beobachtung schildern uns Eltern immer wieder mit derselben Ratlosigkeit.

Sie trifft viele Familien genau dann, wenn der Beikoststart eigentlich gut gelaufen ist. Wir haben deshalb Lena Gießwein drei Fragen gestellt. Sie ist Diätologin und berät Familien, deren Kinder wenig oder sehr wählerisch essen. Ihre Antworten stehen hier im Wortlaut.

Warum lehnen Kinder rund um den zweiten Geburtstag plötzlich ab, was sie vorher gegessen haben?

Ich höre in Beratungen ganz oft: „Bei der Beikost hat mein Kind alles gegessen, jetzt sieht das ganz anders aus.“ Die Beobachtung, dass Kinder rund um ihren zweiten Geburtstag viel skeptischer beim Essen sind und besonders häufig Gemüse ablehnen, machen etwa zwei Drittel der Eltern.

Dafür kann es diverse Gründe geben. Einerseits spricht man in der Ernährungsentwicklung von einer Phase der Neophobie, die als Schutzmechanismus gesehen wird. Er bewahrt Kleinkinder davor, nicht alles zu essen, was ihnen unterkommt, wenn sie bereits mobil genug sind, sich von ihren Eltern weg zu bewegen, aber noch nicht selbst einschätzen können, ob etwas sicher genießbar ist.

Weiters passieren in den ersten beiden Lebensjahren sehr viele Entwicklungssprünge. Dabei lässt sich immer wieder beobachten, dass während in einem Bereich viel dazugelernt wird, ein anderer Bereich wieder eine Entwicklungsstufe zurückfallen kann. Das kann auch das Essen betreffen. Wenn gerade sehr viel Information zum Erlernen der Sprache gespeichert wird, ist das Einordnen komplexer Geschmäcker und Konsistenzen beim Essen eine Zeit lang vielleicht einfach zu anstrengend für das Kind. Sobald die neue Fähigkeit gefestigt ist, kehrt meist auch beim Essen wieder die Neugier zurück.

Generell gibt süßer und salziger Geschmack dem Körper deutliche Signale, dass ein Lebensmittel viel Energie oder eben wichtige Mineralien liefert, während bitter eher ein Zeichen für giftig ist. Die positiven und negativen Reaktionen auf diese Geschmäcker lassen sich bereits beim Ungeborenen feststellen.

Kinder essen nicht wählerisch, um uns zu ärgern.

Wie viele Anläufe braucht ein Kind wirklich, bis es ein neues Lebensmittel annimmt?

Ich gebe Eltern ungern eine genaue Anzahl an Versuchen, die es braucht, bis ein Lebensmittel endgültig akzeptiert oder abgelehnt wird. Die eigenen Präferenzen verändern sich ja auch im Alter noch, und selbst einem Erwachsenen schmecken nicht jeden Tag dieselben Dinge gleich gut.

Wichtig ist, dass Dinge nicht nur weil sie vom Kind mehrmalig abgelehnt wurden vom Familienspeiseplan gestrichen werden. Sonst verpasst man die Chance, dass das Kind bei der 37. Gelegenheit dann doch das Essen der Eltern interessant genug findet, um es kosten zu wollen.

Was raten Sie Eltern, die anfangen, Gemüse zu verstecken oder zu verhandeln?

Wichtig ist, sich zu erinnern: Kinder essen nicht „wählerisch“, um uns zu ärgern. Was dahinterstecken kann: das Bedürfnis nach Sicherheit durch vorhersehbaren Geschmack, das Autonomiebedürfnis, Schwierigkeiten bei der Reizverarbeitung und Erfahrungen rund ums Essen.

Die Idee, Gemüse zu verstecken, entspringt ganz oft dem Kontrollbedürfnis der Eltern, die es als ihre Pflicht sehen, dem Kind Gemüse einzuflößen. Da erinnere ich gerne an die geteilte Verantwortlichkeit: Eltern setzen den Rahmen und das Angebot bei den Mahlzeiten, Kinder entscheiden selbst, ob und was davon sie essen.

Etwas im Essen zu verstecken, untergräbt die Autonomie des Kindes, selbst zu entscheiden, was es isst, und geht zu Lasten des Vertrauens. Verstecken von Gemüse in Lebensmitteln, die normalerweise gerne gegessen werden, kann bei Kindern, die mit Ängsten oder starkem Ekel kämpfen, dazu führen, dass sie diese Speise dann komplett ablehnen.

Verhandlungen rund um Essmenge à la „wenn du das aufisst, bekommst du xy“ sehe ich sehr kritisch. Essen sollte in erster Linie dazu da sein, das Bedürfnis des Körpers nach Nahrung zu erfüllen. Lernt ein Kind, dass es mit dem Essen oder eben Nicht-Essen eine Reaktion der Eltern steuern kann, misst das dem Essen eine Bedeutung zu, die dem Kind auf lange Sicht schaden kann, besonders wenn es dem Kind nicht leichtfällt, Hunger und Sättigung im eigenen Körper zu spüren.

Ich rate dazu, offen zu sagen, was in den Speisen verarbeitet wurde, und das Kind möglichst oft in die Zubereitung miteinzubeziehen. Damit das kurzfristige Ziel, Gemüse in eine Mahlzeit zu packen, nicht dem langfristigen Ziel in die Quere kommt, dem Kind ein selbstbestimmtes intuitives Essverhalten zu ermöglichen.

Was das für euren Alltag heißt

Wenn dein Kind Gemüse ablehnt, ist das in dieser Phase kein Erziehungsfehler und kein Rückschritt. Zwei Drittel der Eltern erleben dasselbe.

Streiche abgelehnte Lebensmittel trotzdem nicht vom Speiseplan, sondern biete sie weiter an, ohne Druck. Das Prinzip dahinter kennst du vom breifreien Essen bereits: Du entscheidest, was auf den Tisch kommt, dein Kind entscheidet, ob und wie viel es davon isst.

Quellen

  1. Schriftliche Antworten von Lena Gießwein, Diätologin, auf drei Fragen der Redaktion von baby-led-weaning.de, September 2026.

Stand: September 2026. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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Lena Gießwein
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