Fast jede Empfehlung zum Beikoststart ist für reif geborene Kinder geschrieben. Eltern eines Frühchens finden ihre Situation darin nicht wieder. Die naheliegende Frage lautet dann: Zählt das Alter im Kalender oder der errechnete Geburtstermin?
Diese Unsicherheit begleitet viele Familien über Monate. Denn beim Beikoststart ist fast alles in Altersangaben gefasst. Rezepte tragen ein Mindestalter, Lebensmittel sind nach Monaten sortiert, und in jeder Elterngruppe wird gefragt, wie alt das Kind denn schon sei. Für Eltern eines Frühchens passt keine dieser Zahlen ohne Weiteres.
Dazu kommt die Sorge, etwas falsch zu machen. Zu früh anzufangen und das Kind zu überfordern. Oder zu lange zu warten und ihm etwas vorzuenthalten. Wer schon eine Zeit auf der Frühgeborenenstation verbracht hat, kennt dieses Abwägen ohnehin.
Im deutschsprachigen Netz gibt es dazu erstaunlich wenig. Wir haben deshalb bei jemandem nachgefragt, der täglich mit Frühgeborenen arbeitet. Prof. Dr. med. Frank Jochum ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau in Berlin.
Seine dritte Antwort setzt dem rein selbstbestimmten Essen bei Frühgeborenen deutliche Grenzen. Wir geben sie unverändert wieder, weil genau dieser Punkt für betroffene Familien zählt. Die folgenden Antworten hat uns Prof. Jochum schriftlich zur Verfügung gestellt.
Nach welchem Alter richtet sich der Beikoststart bei Frühgeborenen?
„Bei Frühgeborenen sollte der Beikostbeginn nicht allein nach dem tatsächlichen oder korrigierten Alter festgelegt werden. Nach der aktuellen ESPGHAN-Empfehlung steht die neurologische und orale Entwicklungsreife im Vordergrund. Das korrigierte Alter bleibt als Orientierung wichtig, aber entscheidend ist, ob das Kind die Fähigkeiten zum sicheren Essen bereits entwickelt hat. Beikost sollte nach ESPGHAN jedoch nicht über ein korrigiertes Alter von etwa sechs Monaten hinausgeschoben werden.“
Wer sich zusätzlich mit den Grundlagen der Beikosteinführung bei Frühchen befassen möchte, findet dazu einen eigenen Beitrag.
BLW GrundlagenBaby-led Weaning mit einem Frühchen: Worauf du bei der Beikosteinführung achten solltestWelche Entwicklungszeichen sind besonders wichtig?
„Das Kind sollte den Kopf und Oberkörper ausreichend stabil kontrollieren können und beim Füttern eine stabile Sitzposition einnehmen können. Wichtig sind außerdem eine ausreichende Kontrolle von Mund und Zunge, das Nachlassen des Zungenstoßreflexes sowie die Fähigkeit, Nahrung gezielt im Mund zu bewegen und sicher zu schlucken. Ebenso sollte ein echtes Interesse an Nahrung vorhanden sein. Gerade bei sehr unreifen Frühgeborenen kann die Entwicklung dieser Fähigkeiten deutlich stärker variieren als bei reif geborenen Kindern.“
Gibt es Gründe, bei Frühgeborenen von einem rein selbstbestimmten Vorgehen abzuraten?
„Ein vollständig ‚baby-led‘ Vorgehen, bei dem das Kind von Beginn an ausschließlich selbstständig feste Stücke isst, ist bei Frühgeborenen derzeit wissenschaftlich nicht ausreichend untersucht. Das gilt insbesondere für Sicherheit, Verschlucken und die ausreichende Aufnahme von Energie und wichtigen Nährstoffen wie Eisen. Frühgeborene haben zudem häufig einen höheren bzw. besonderen Nährstoffbedarf und gelegentlich noch Einschränkungen der Mundmotorik oder Schluckkoordination. Deshalb erscheint ein entwicklungsorientiertes, responsives Vorgehen sinnvoll: Das Kind bestimmt Tempo und Menge mit, während die Eltern geeignete Konsistenzen und nährstoffreiche Lebensmittel anbieten und die individuelle Entwicklung berücksichtigen.“
Das Kind bestimmt Tempo und Menge mit, während die Eltern geeignete Konsistenzen und nährstoffreiche Lebensmittel anbieten.
Das ist kein Widerspruch zu Baby-led Weaning, sondern eine präzisere Version davon. Dein Frühchen darf weiterhin mitbestimmen, du sorgst nur gezielter als bei einem reif geborenen Baby dafür, dass Konsistenz und Nährstoffe passen.
Wann du ärztlichen Rat einholen solltest
Prof. Jochum nennt dafür klare Anlässe. Besonders bei sehr frühen Frühgeborenen, bei neurologischen Auffälligkeiten, bei anhaltenden Trink- oder Essproblemen sowie bei Gedeihproblemen sollte der Beikostbeginn individuell abgestimmt werden. Ansprechpartner sind die Kinderarztpraxis oder die Frühgeborenen-Nachsorge.
- Schriftliche Auskunft von Prof. apl. Dr. med. habil. Frank Jochum an die Redaktion von baby-led-weaning.de vom 25. August 2026, autorisiert zur Veröffentlichung. Die Antworten sind wortgetreu wiedergegeben. Prof. Jochum ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau in Berlin.
Stand: August 2026. Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.



